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Rainer Langhans im Gespräch: 

«So was verzeiht eine Frau wie Uschi nicht»

08. Mai 2008 08:47
Rainer Langhans, hier mit Uschi Obermaier
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Im letzten Teil des NZ-Interviews erzählt Rainer Langhans, warum das Internet ihn derart begeistert, und was er vom Datenklau hält. Auch über die Beziehung zu Uschi Obermaier hat Julia Wilczok einiges erfahren.

Netzeitung.de: Herr Langhans, sie nennen das Internet die «die reinste Form einer Kommune», haben einen eigenen Video-Blog. Wie sind Sie eigentlich so ein begeisterter Internet-Nutzer geworden?

Langhans: Das ist ganz einfach: Weil wir damals 68 mit der Kommune eine virtuelle, eine bessere Welt erfunden haben. Später wurde das dann mit der elektronischen Technologie des Internet nachgebildet. Diese neue Welt konnten wir damals sogar ein Stück weit vorleben. Als das dann nicht mehr ging, ist diese Vision, die für uns ein höchst verdichtetes Jahr lang Praxis war, mit Sex, Drugs and Rock’n Roll und noch später elektronisch simuliert worden. Man kann sogar an der Entstehungsgeschichte sehen, dass es kalifornische 68er waren, die das Internet ganz konkret erfunden haben. Die Leute können heute also die Erfahrungen, die wir damals in unserer bis heute unbegriffenen Verrücktheit gemacht haben, normal machen. Dazu müssen sie auch nicht mehr mit Drogen hantieren, sondern können ein virtuelles Leben führen, das besser, freundschaftlicher und vor allem kostenlos ist. Dass junge Leute auf der Welt sich plötzlich alle verbunden und liebevoll fühlten, all das haben wir damals mit rein geistigen Mitteln in diesem eigenartigen Möglichkeitsfenster gelebt, ohne technische Hilfsmittel. Daraus ist das Internet entstanden und es ist bis heute von dieser Vision getragen.

Netzeitung.de: Ist diese virtuelle Gemeinschaft denn nicht recht oberflächlich? Menschen erfinden Identitäten...

Langhans: Warum sagen Sie das? Das ist doch überhaupt nicht oberflächlich! Wenn Sie zum Beispiel annehmen, dass Sie ein geistiges Wesen sind und wissen wollen, was Sie in dieser Welt sollen, was der Sinn des Ganzen ist, dann kann man das doch am besten dadurch tun, dass man sich selbst und viele andere Leute besser kennenlernt. Wenn Sie zum Beispiel Avatare schaffen, Identitäten, durch die Sie bestimmte Erfahrungen machen können, dann können Sie dabei Facetten ihres Wesens erfahren, die Sie bisher noch nicht kannten. So können Sie eine Nähe zu sich selbst erzeugen, die irgendwann dazu führt, dass Sie sich selbst erkennen. Und wenn Sie sich selbst erkannt haben, dann sind Sie glücklich. Dann verstehen Sie die Welt und die Welt ist das, was Sie selber sind, weil sie dann nicht mehr feindselig, sondern in Liebe mit Ihnen eins ist. Das ist das, was im Internet geübt werden kann. Sich selbst und anderen so nah sein, dass man glücklich ist. Dann muss man auch nichts Fremdes und Unbekanntes mehr fürchten.

Netzeitung.de: Wie wird das Web 2.0 unsere Gesellschaft verändern?

Langhans: So, wie ich es eben sagte. Das Web 1.0 war ja mehr dieses Geschäftszeugs, das Web 2.0 ist eindeutig Community. Die Menschen sind darin in jeder Beziehung kreativ, vor allem in Bezug auf andere Menschen. Diese höhere Aktivität, der User Generated Content und so weiter, ist ein Riesenfortschritt gegenüber dem Web 1.0. Das zeigt auch die Richtung an, in die wir gehen werden. Wir werden immer kreativer in Bezug auf Selbsterkenntnis, in Bezug auf Liebe, auf Nähe, letztlich positive Erfahrung miteinander.

Netzeitung.de: Was ist mit den negativen Seiten des Web 2.0? Stichwort gläserner Mensch?

Langhans: Ja, man fragt sich, wieso sind die Leute da alle so sorglos? Meine Erklärung dafür ist: Sie geben ihre ganzen persönlichen Daten da ein und die Datenschützer schreien: «Oh Gott! Ihr müsst vorsichtiger sein! Die bösen Alten werden die Daten abgreifen und werden euch später dafür drankriegen, wenn ihr euch irgendwo vorstellt». Aber die Jungen wollen ja gar nicht mehr rein in solche Betriebe, die das so sehen. Insofern sie sich für diese Betriebe unmöglich machen, sorgen sie vor.

Die andere Seite sieht so aus: Ich stelle deswegen meine Daten ins Netz, weil die schönen Menschen eines Tages siegen werden und die sollen alles von mir wissen. Eigentlich will ich alles von mir wissen. Die Bösen, die Schäubles, sollen ruhig versuchen, meine Daten abzugreifen. Die Jungen wissen ja ganz genau, dass heute jeder alles von einem weiß oder zumindest sehr viel. Sie wissen ganz genau, dass sie schön leben wollen. Und wenn die Bösen, die die Daten gegen uns wenden wollen, sie auch sehen, macht das nichts, weil die sowieso schon verloren haben. Die werden aussterben und wir werden leben.

Netzeitung.de: Waren Sie eigentlich damit einverstanden, wie sie in Uschi Obermaiers Film «Das wilde Leben» dargestellt wurden?

Langhans: Ach ja, die Uschi-Obermaier-Frage! Wissen Sie, es ist traurig. Uschi hat jetzt sogar einen Rechtsanwalt gegen mich eingeschaltet, weil ich all das in meinem Buch anders dargestellt habe. Ich verstehe sie einfach nicht. Wenn ich sage, wie ich es sehe, versucht sie, das zu unterdrücken, mich zu bedrohen.

Jedenfalls war ich wirklich ziemlich entsetzt darüber, aber ich wusste natürlich auch, was da auf mich zukommt, weil ich, bevor ich für diesen Film unterschrieben habe, das Drehbuch gelesen und mit dem Produzenten geredet habe. Ich habe es trotzdem gemacht, weil ich gehofft habe, Schlimmeres verhindern zu können. Ich war natürlich überhaupt nicht einverstanden und bedauere es sehr, dass sie mich, aber auch sich selbst so wenig schön darstellt. Der Film ist ja auch gefloppt. Ich könnte natürlich triumphieren, weil ich schon damals gesagt habe: «Damit kommt ihr nicht durch». Aber sie haben gesagt, «Du hast von Film keine Ahnung.» Und wenn ich nun versuche, meine Sicht der Dinge darzustellen, versucht sie mit solchen Mitteln, das zu unterbinden. Das ist alles sehr traurig. Den Film fand ich insofern interessant, als es Filme über dieses Thema noch nicht gibt. Über 68er gibt es immer nur Filme über RAF oder Porno, aber es gibt keinen über diese weibliche, positivere Seite. Sie haben es sich getraut, sind damit auf die Nase gefallen und inzwischen hüten sich alle Filmleute, wieder so etwas zu machen. Sie fürchten einen weiteren Flop. Ich hatte auch mal ein Filmprojekt über die Kommune. Das ist daran gescheitert, weil Frau Obermaier uns nicht die Rechte gegeben hat, obwohl sie mir das versprochen hatte.

Netzeitung.de: Wenn man in ihrem Buch über das Ende der Beziehung zu Uschi Obermaier liest, klingt es nach schmerzhafter Trennung. In Obermaiers Memoiren kommt das nüchterner rüber und im Film werden Sie einfach abserviert. Tut das nicht weh?

Obermaier und Langhans (li.) in der Kommune I
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Langhans: Ja, natürlich ist das schmerzhaft. Ich verstehe nicht, warum Uschi das alles so negativ darstellt. Aber ich habe eine Vermutung. Ich habe damals schon eine Art von Beziehung und Sexualität mit ihr gelebt, die über das Körperliche hinausführte. Sie sah, dass sie das nicht mitmachen kann, weil sie dann auch Erfahrungen machen müsste, die über den Körper hinausgehen. So was verzeiht eine Frau wie Uschi nicht. Sie wird mir immer nachtragen, dass ich damit ihre Körperlichkeit angegriffen hätte. Uschi fürchtet den Weg, den ich gegangen bin, den Weg ins Geistige. Das bedaure ich sehr, aber es erklärt auch, warum sie so schlecht über mich reden muss.

Netzeitung.de: Haben Sie denn noch Kontakt zu ihr?

Langhans: Immer wenn sie hier in München war, haben wir uns getroffen. Jetzt durch diese Rechtsanwaltssache weiß ich nicht, ob es noch mal dazu kommt. Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist. Bei ihrem Buch und ihrem Film habe ich ihr geholfen, obwohl ich nie auf den Set kommen durfte und völlig von der Entwicklung des Films ausgesperrt wurde. Dabei hatte ich einen Beratervertrag. Sie sagt immer: «Meine Freunde sind das Wichtigste.» Warum vergrault sie dann ihre Freunde des Geldes wegen? Beim Geld hört die Freundschaft auf, heißt es. Und es ging um viel Geld bei dem Film.

Netzeitung.de: Wieso ist sie Ihnen denn so wichtig?

Langhans: Durch diese gemeinsame Zeit sind wir offenbar irgendwie miteinander verbunden. Ich werde immer wieder nach ihr gefragt. Ich muss mich also immer wieder gut mit ihr stellen, weil es ja unangenehm ist, wenn man an jemanden gekettet ist und sich schrecklich findet. Außerdem möchte ich natürlich, dass sie über unsere Erfahrungen, die ich positiv finde, nicht schlecht redet. Als ‚68er-Ikone’ macht sie damit die Kommune schlecht, unsere ganze Generation. Sie sagt, es war schrecklich und falsch, diese ganze «Scheißpolitik» und «ich war nie politisch, ich wollte bloß Spaß». Groupies gab es einige, auch Mädchen, die sich vor der Kamera auszogen, aber sie als Einzige hat sich in die Kommune getraut und dadurch ein neues Selbstbewusstsein gewonnen und dann auch gezeigt.

Netzeitung.de: Sie haben Frau Obermaier ja mal in Ihren Harem eingeladen.

Langhans: Sie ist befreundet mit den Haremsfrauen, aber sie möchte auf keinen Fall dazugehören, weil sie diese Art von geistiger Arbeit, auch die der Frauen, unmöglich findet. Also hält sie Distanz. Trotzdem gibt es eine gewisse Freundschaft. Aber wie es jetzt wird? Ich hoffe, dass sie aus ihrer Verbiesterung herausfindet. Sie kann doch nicht für sich beanspruchen, dass sie das Deutungsmonopol hat - in Bezug auf unsere Beziehung, in Bezug auf unsere Kommune, in Bezug auf die 68er-Bewegung.

Netzeitung.de: Sie haben auch Brigitte Mohnhaupt und Gabriele Pauli in ihren Harem eingeladen. Das meinten Sie doch nicht ernst?

Langhans: Doch, ich hätte gern mit beiden gesprochen, aber sie haben sich bisher nicht getraut. Bei Brigitte Mohnhaupt wundert es mich nicht, weil sie annehmen muss, dass dann die Öffentlichkeit in dieser für sie unerfreulichen Form weitergeht und daher wird sie sie sicher weiterhin nicht suchen. Bei Gabriele Pauli hätte ich es mir vorstellen können und ich glaube, jemand hat auch versucht, diese Verbindung herzustellen. Es würde mich immer noch reizen und auch ‚meine’ Frauen hätten es in beiden Fällen sehr interessant gefunden.

Netzeitung.de: Ihr Buch ist auf dem Markt, was steht als Nächstes an?

Langhans: Ich habe das Buch geschrieben, weil ich mehr die Jüngeren erreichen wollte als meine eigenen Leute. Es soll die Inhalte anzeigen, über die ich mit Menschen konkret ins Gespräch kommen möchte. Ich werde zum Beispiel von Studenten, von Schulklassen eingeladen. Ich hoffe, dass die Jüngeren das Buch noch entdecken. Ich weiß zwar, dass sie nicht so viel offline lesen, aber vielleicht stellen sie zufällig fest, dass man mein Buch leicht lesen kann, weil es anders ist als die anderen 68er-Bücher. Es ist ein Buch für Sucher, die sie sind - wie ich auch. Dann könnten wir über Dinge reden, die im Buch nur angedeutet wurden.

Rainer Langhans: «Ich bin's - Die ersten 68 Jahre», Blumenbar, 253 Seiten, 19,90 Euro.

Rainer Langhans und Christa Ritter: «K1 - Das Bilderbuch der Kommune», Blumenbar, 196 Seiten, 24,90 Euro.

 
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