03. Jul 2008 14:03
Mit seinem ersten Soloalbum «Wanderlust» beweist Gavin Rossdale, dass er immer noch mehr kann, als bloß «Mr. Gwen Stefani» zu sein.
sprach mit dem früheren Bush-Sänger über Fußball, Paparazzi und seine berühmte Frau.
Im Hotel geht es derweil zu wie bei einem Staatsempfang. Rossdales Agentin, Journalisten und Menschen vom Fernsehen wuseln durch die Gegend oder arrangieren «sexy» Hintergründe für anschließende Video-Interviews. Als Rossdale endlich erscheint, lässt er sich vom Stress um ihn herum nichts anmerken. Er ist freundlich, entspannt, vielleicht einen Tick zu «buddhist». Den gehässigen Stempel «Posterboy des Grunge» kann man der US-Presse immer noch nicht übel nehmen, denn Rossdale sieht auch mit 42 blendend aus. Und ungeduldig ist er auch: Noch vor der ersten Frage ergreift er selbst das Wort.Rossdale: Darf ich den Stuhl hier auf die andere Seite stellen?
Netzeitung: Wieso denn? Da steht er doch gut.
Rossdale: Ach, nur so ein Tick von mir. Wenn der Stuhl mit dem Rücken zur Tür gerichtet ist, könnte jemand reinkommen und mich von hinten umbringen.
Netzeitung: Nun sitze ich ja näher an der Tür. Sie werden mich also als erstes kriegen.
Rossdale: Keine Angst, ich bin ganz gut im Kung Fu. [lacht]
Netzeitung: Sie haben früher so halb professionell Fußball gespielt. Fiebern Sie bei der EM mit?
Rossdale: Oh ja, ich habe mich so gefreut, dass Deutschland gegen Polen gewonnen hat! Und die Holländer sind auch spitze, die haben die Italiener förmlich zerstört.
Netzeitung: Ihr Favorit?
Rossdale: England natürlich!
Netzeitung: Oh, dann haben Sie jetzt wahrscheinlich schlechte Laune...
Rossdale: Na schönen Dank auch! [lacht] Nein, passt schon, die sind zurzeit einfach erbärmlich! England-Fan zu sein ist eine lebenslange Enttäuschung!
Eine 17-jährige Bedienung stellt mit zittrigen Händen einen Kaffee vor Rossdale auf den Tisch. Er bedankt sich, schenkt ihr ein kurzes Lächeln. Ihre Wangen verfärben sich dunkelrosa.
Netzeitung: Jetzt lassen Sie uns aber über Ihre Musik sprechen! Sind Sie einfach aus dem Häuschen oder auch ein bisschen nervös?
Rossdale: In erster Linie aufgeregt. Eine Platte rausbringen ist, als würde man seinen Kopf auf die Straße legen. Du hoffst, dass die Leute kommen und dir aufhelfen, doch manche fahren einfach über dich drüber. Man muss sich da selbst ein bisschen auf den Boden zurück holen, Geduld aufbringen. Das ist so eine Buddhisten-Sache. Nicht zu euphorisch sein, wenn es toll läuft und nicht zu niedergeschlagen, wenn es in die Hose geht.
Netzeitung: Schon gehört, wie alte Bush-Fans Ihre Platte finden?
Rossdale: Oh, ja. Viele Leute mögen meine neuen Sachen. Andere Leute sind so richtig angepisst. Die wollen, dass ich nur raue Gitarrenmusik mache. Wieder andere sind sauer, weil sie einfach nur Bush zurück haben möchten. [lacht] Die wollen mich in eine Schachtel stecken. Ich entfliehe der Schachtel und bekomme Ärger mit ihnen. Du kannst es nie allen recht machen, das ist natürlich. Aber die Reaktionen sind dermaßen übertrieben. Die Leute sollen sich mal nicht so aufregen. Ich habe ja schließlich kein Verbrechen begangen, ich habe bloß ein Album aufgenommen!
Netzeitung: Im Pressetext zu «Wanderlust» heißt es, Sie glauben, in einem früheren Leben ein Hund gewesen zu sein. Ich dachte, Sie seien allergisch?
Rossdale: Katzen, ich reagiere allergisch auf Katzenhaare. [lacht]
Netzeitung: Hm, aber die Sache mit dem Hund müssen Sie jetzt trotzdem erläutern!
Rossdale: Ich bin einfach schrecklich stur. Ich verbeiße mich in Sachen und gebe nicht auf, bis ich das Ziel erreicht habe. Hinzu kommt, dass ich gut auf Training anspringe. Das gilt auch auf dem Tennisplatz. Ich bin oft stundenlang auf dem Tennisplatz, bis ich völlig fertig bin.
Netzeitung: Gut auf Training reagieren – bedeutet das auch, dass Sie kreativer sind, wenn Sie Vorgaben haben, jemand Sie leitet?
Rossdale: Nein, mit meiner Kreativität bin ich am liebsten allein. Aber im Studio ist es schon gut, auf den Rat anderer zu hören, unterschiedliche Einflüsse zu verarbeiten. Gut ist auch, jemanden zu haben, der dir sagt, das ist schlecht, das andere war toll. Das gilt übrigens ebenso für den Tenniscourt. [lacht] Wenn ich einen Song einsinge, ist das für mich wie das Finale einer Weltmeisterschaft. Ich versuche alles zu geben. Mein Produzent Bob Rock war aber nicht zufrieden mit dem Endergebnis. Also haben wir jeden Song fünfmal nacheinander aufgenommen und dann noch ein sechstes Mal, bei dem ich völlig übersteigert agieren sollte. Seltsamerweise war das dann wirklich meist die beste Version.
Netzeitung: Klingt ganz schön nach Drill. Da muss ich an ein anderes merkwürdiges Zitat von Ihnen denken. Angeblich fühlen Sie sich wie eine «Rennpferd, das zu lange in der Box gestanden hat». Hört sich nach mittelschwerer Midlife Crisis an!
Rossdale: Absolut nicht! Das hat die Plattenfirma wohl etwas überspitzt dargestellt. Ich mache die ganze Zeit Musik, aber davon bekommt die Welt natürlich nichts mit. Dieses «zu lange in der Box gestanden» bezieht sich in keinster Weise auf mein Privatleben. Es geht darum, wieder da raus zu gehen, auf der Bühne zu stehen. Ich hatte dieses Album bereits letzten Sommer fertig und langsam werde ich einfach ungeduldig.
Netzeitung: Ein neuer Song heißt «Future World». Ihre Zukunftsprognose?
Rossdale: Ich würde sagen, die Zukunft ist die Verbindung aus Vergangenheit und modernen Einflüssen. Es geht um die Gegensätze, die das Leben spannend halten.
Netzeitung: Wie groß ist die Angst jetzt mit der Platte zu scheitern? Immerhin sind Sie mit einer echten Powerfrau verheiratet, deren Karriere eine Art Selbstläufer ist.
Rossdale: Oh, ich bin einhunderprozentig für sexuelle Gleichberechtigung und in unserer Beziehung stehen wir gleichberechtigt nebeneinander. Ihr Leben hat aus Jobsicht mit meinem nichts zu tun. Sie macht ihr Ding, ich meins. Rivalität ist bei uns kein Thema.
Netzeitung: Sie wohnen im Londoner Promi-Viertel Primrose Hill, sozusagen Tür an Tür mit Leuten wie Kate Moss und Jude Law. Wieso tauchen Sie nie in der Klatschpresse auf?
Rossdale: Wenn ich mir diese ganze Promikultur, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat anschaue, muss ich kotzen. Es raubt den Leuten die Fantasie. Da verdampft so viel von dem Geheimnisvollen, was Stars früher mal zu Stars machte. Die Menschen heute wollen ihre Idole zerstören, um sie für sich greifbarer zu machen. Ich verstehe das nicht. Ich hätte zum Beispiel niemals sehen wollen, wie Jimi Hendrix ein Sandwich bei Starbucks isst. So was interessiert mich nicht, ich hätte ihn tausendmal lieber «Little Wing» spielen sehen. Es ist doch so ironisch: Diese ganze Schundpresse existiert nur wegen der Promis und das einzige, was sie tun, ist Berühmtheiten zu degradieren. Du siehst so viel Persönliches von ihnen, das es dir zu den Ohren rauskommt. Dabei sind Mysterien doch etwas Wunderschönes. Sie regen die Fantasie an, sind eine gesunde Form der Alltagsflucht. Was mich nervt sind acht Fotografen, die mich und meinen Sohn in den Park verfolgen. Ich möchte mein Leben nicht ändern, aber ich will auch nicht, dass meine Berühmtheit meinen Sohn verändert. Es ist eine bewusste Entscheidung, dieses Leben so normal wie möglich zu leben, also versuchen wir, die Paparazzi zu ignorieren. Mein Sohn soll ja nicht hinter einem hohen Eisenzaun aufwachsen. Sie sagen, wir seien in der Presse nicht so präsent, vor unserem Haus stehen aber trotzdem jeden morgen zehn Autos. Sogar sonntags.
Netzeitung: Mag Ihr Sohn Kingston eigentlich lieber Ihre Musik oder die von Ihrer Frau?
Rossdale: Da müssen Sie ihn fragen, schätze ich. Er ist ja noch so klein, aber er reagiert auf unsere Stimmen. Zurzeit mag er wohl lieber meine Musik, weil das Album gerade aktuell ist und er es häufiger hört. Er hat eben einen erstklassigen Geschmack!
Netzeitung: Sie sprechen einem Zweijährigen Stilbewusstsein zu?
Rossdale: Klar, er ist einfach der Größte. Ja, ja, ich weiß, das finden alle Eltern. [lacht]
Netzeitung: Was finden Sie an Gwen Stefani am aufregendsten?
Rossdale: Keine Frage, ihre Stimme!
Netzeitung: Zum Schluss noch für die alten Fans: Wird es jemals wieder ein Bush-Album geben?
Rossdale: Ich glaube nicht. Es ist irgendwie komisch. Nach der ersten Bush-Platte habe ich gedacht. «Wow, du kannst jetzt sterben. Ich habe etwas für die Nachwelt geschaffen. Mein Leben hat Sinn gemacht.» Und dann kam noch so viel mehr. Sehen Sie, da ist wieder diese Hunde-Mentalität. Ich wollte schon immer etwas erreichen.
Netzeitung: Ihr liebster Bush-Song?
Rossdale: Ganz klar, «Letting The Cables Sleep».
Mit Gavin Rossdale sprach Julia Wilczok.
Gavin Rossdale: «Wanderlust» (Interscope/Universal)