Andreas Dresen gehört zu den wichtigsten deutschen Gegenwartsregisseuren
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Sexszenen gehören im Kino zum Alltag. Aber mit Menschen über 70? Andreas Dresen hat den Tabubruch gewagt. Mit Maike Schultz sprach der Regisseur über Klischees vom Alter, Ängste beim Dreh und die Sehnsucht, auszubrechen.
Netzeitung:Sie haben heute schon einen Interviewmarathon von acht Stunden hinter sich. Reif für den Sommer vorm Balkon?
Andreas Dresen: Urlaubsreif, ja, darauf freue ich mich jetzt total. Seit Dezember sitze ich nur im Schneideraum, aber auch in meinem Leben gibt es noch wichtigeres als Filme (lacht). Im September geht es ja dann direkt schon weiter mit «Whisky mit Wodka» (Tragikomödie mit Corinna Harfouch und Henry Hübchen, A.d.R.).
Netzeitung:Um «Wolke Neun» haben Sie im Vorhinein ein ziemlich großes Geheimnis gemacht.
Dresen: Ich habe beschlossen, keine Pressetermine mehr während der Dreharbeiten zu geben. Das ist ein sehr intimer Prozess, über den ich lieber erst rede, wenn er abgeschlossen ist. Wenn man improvisiert, bringt man schließlich gemeinsam etwas zum Wachsen, und ich hätte Angst das zu zerstören, indem ich es zerrede.
Netzeitung:Mit dem Thema Sexualität im Alter haben Sie eine Art gesellschaftliches Tabu gebrochen. Warum ist es das eigentlich?
Dresen: Ich frage mich auch, wieso so eine Geschichte bisher noch nie erzählt wurde. Viele haben im Kopf das Klischee von asexuellen alten Menschen, die Kaffeefahrten auf dem Dampfer machen und ihre Renten verprassen. Diese Vorstellung ist genauso kläglich wie die Tatsache, dass Menschen mit über 50 keine Arbeit mehr bekommen. Vielleicht ist beim Film auch die Angst vor den Bildern zu groß – das gängige Schönheitsideal verdrängt ja gerne, dass unser Körper altert.
Netzeitung:Gab es einen konkreten Auslöser für die Idee zu «Wolke Neun»?
Dresen: Ich habe schon vor 15 Jahren die Dokumentation «Die Männer meiner Oma» von einem belgischen Freund gesehen, in dem eine 78-Jährige von ihrem Liebesleben erzählt. Aber in Spielfilmen wird das Thema nur so absurd und naiv wie in «Elsa und Fred» (Spanische Liebeskomödie von 2005, A.d.R.) aufgegriffen. Das hat mich so geärgert, dass ich erst recht einen eigenen Film dazu drehen wollte. Schließlich muss man der Realität ins Auge sehen.
Netzeitung:Sie machen das mit einer wunderbaren Mischung aus Traurigkeit und Leichtigkeit. Wie haben Sie das hinbekommen?
Dresen: «Wolke Neun» ist wahrscheinlich mein ernstester Film, aber völlig humorfrei geht es bei mir nicht. Und was gibt es besseres für eine Beziehung, als über sich selbst lachen zu können, wenn es im Bett mal nicht klappt? Deshalb habe ich den Witz «Wie 80-Jährige Sex haben» eingebaut (siehe Trailer). Ich habe ihn im Internet entdeckt und Horst Westphal in der Drehpause ins Ohr geflüstert. Er hat ihn dann spontan in einer Szene erzählt, als er eigentlich über den Tod seiner Frau sprechen sollte. Ursula Werners Lachanfall ist also echt – genau wie Horst Rehbergs Reaktion, als sie ihm den Witz weiter erzählt. Der findet ihn überhaupt nicht lustig.
Netzeitung:Haben Sie beim Improvisieren nie Angst, dass Sie nicht weiter kommen?
Dresen: Ich habe bei jedem Film am Anfang Angst. Ohne ein fertiges Drehbuch fühlt man sich am Set sehr nackt, aber mein kleines, bewährtes Team hat das sehr gut aufgefangen. Wenn die Arbeit Spaß macht, vergisst man die Angst. Abgelenkt hat mich auch, dass ich neben dem Regisseur noch Aufnahmeleiter und Ton-Angler war. Bei uns müssen immer alle alles machen, was den Vorteil hat, dass niemand sinnlos im Bild herumsteht (lacht). Produktionsleiter Peter Hartwig hat zum Beispiel grandios für uns gekocht.
Netzeitung:Das Ergebnis wirkt sehr authentisch. Wie reagieren denn ältere Zuschauer auf «Wolke Neun»? Finden sie sich darin wieder?
Das "Wolke Neun"-Ensemble in Cannes. Der Film gewann die Reihe "Un certain regard"
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Dresen: Bisher hat nur beim Festival in Cannes ein größeres Publikum den Film gesehen, und da sind mehr Cineasten als Normalbürger unterwegs. Es gibt dort noch nicht mal eine öffentliche Kinokasse wie bei der Berlinale. Die 60- bis 90-jährigen Frauen vom Berliner Chortreff Wuhlheide, wo die Hauptfigur Inge singt, waren auf jeden Fall begeistert, aber sie haben ja auch selbst mitgespielt. Wir sind jeden Mittwoch zu ihnen gefahren und haben die Proben gefilmt.
Netzeitung:Haben die Dreharbeiten mit den Laien-Darstellern reibungslos geklappt?
Dresen: Es war immer großartig, ich glaube sie mochten, dass mal ein paar Jungs dabei waren (lacht). Einmal haben wir eine Diskussionsrunde improvisiert, in der die Frauen Inge Ratschläge zu ihrem Konflikt geben sollten. «Nimm dir bloß keinen Jüngeren, dann bist du nur die Krankenschwester», hat eine gesagt (lacht). Das wird auf jeden Fall als Bonusmaterial auf die DVD kommen.
Netzeitung:Sie haben auf Filmmusik verzichtet und stattdessen die Chorlieder eingebaut – wieso?
Dresen: Bei den Liedern haben wir bewusst ganz bestimmte aus einer Auswahl von etwa 40 genommen, die wie der Kommentar eines antiken griechischen Chors wirken. Gleichzeitig wird Inges Schicksal durch das Singen in der Gruppe verallgemeinert - man schaut in all diese Frauengesichter und fragt sich, ob sie wohl schon mal etwas Ähnliches erlebt haben. Außerdem ist der Chor eine wichtige Konstante in Inges Leben, die auch nach der Trennung erhalten bleibt.
Netzeitung:Warum sind es in Ihren Filmen eigentlich immer die Frauen, die gehen?
Dresen: Vielleicht, weil sie die mutigeren und risikofreudigeren Menschen sind. Deshalb erzähle ich auch so gerne von Frauen, die sich befreien. Dabei ist die Situation zwischen Inge und ihrer Tochter besonders interessant: Sie akzeptiert sofort, dass ihre Mutter lügt, aber als sie das nicht mehr will, wirft sie ihr Härte vor. Ich persönlich wäre ehrlich gesagt genauso geplättet, wenn das meinen Eltern passieren würde. Aber Inge tut ja nichts weiter, als die Wahrheit auszusprechen. Und genau das ist ihre große Charakterstärke.
Netzeitung:Ist Inge mit ihrer selbstbestimmten Art eine typische Ostdeutsche?
Dresen: Sie ist auf jeden Fall eine Frau, die ihr Leben lang gearbeitet hat, aber die geografische Herkunft der Figur hat gar keine entscheidende Rolle gespielt. Ich glaube letztlich ist das auch eher eine Charakterfrage. Auf jeden Fall hat es etwas sehr Anarchisches, mit Mitte 60 seine gesamte Lebensplanung umzuschmeißen...
Netzeitung:Eine Geschichte, die auch überall sonst spielen könnte?
Dresen: Ja, das könnte sie wohl. In Berlin haben wir aber bewusst die Stadtteile Treptow und Adlershof zum Drehen gewählt, Gegenden, in denen sehr viele alte Menschen leben. Einige Händler kommen da noch bis vor die Haustür. Während der ersten Sex-Szene fuhr gerade der Eismann rum und hat geklingelt, das Geräusch haben wir im Film gelassen.
Netzeitung:Wenn man Horst Westphal und Ursula Werner zusammen sieht, könnte man meinen, dass die beiden sich schon ewig kennen.
Dresen: Zwischen den beiden war sofort eine große Sympathie. Aber die sehe ich auch zu Horst Rehberg. Am stärksten hat mich sein Verhalten in der Trennungsszene (auch hier gab es keinen vorgegebenen Dialog, A.d.R.) gerührt: Er argumentiert wie ein beleidigter Macho. Taktisch sehr unklug, aber so ehrlich! Denn es zeigt, dass man bei Liebeskummer ewig der pubertierende Bengel bleibt. Übrigens hätte die Rollenverteilung genauso gut umgekehrt sein können. Wer den Geliebten und wer den Gehörnten spielt, stand gar nicht von vorneherein fest.
Netzeitung:Stand denn immer fest, wer am Ende stirbt?
Dresen: Ja, weil diese Wendung in der Logik der Geschichte liegt und nicht dem Zufall überlassen bleiben sollte. «Wolke Neun» («Cloud 9» ist das engl. Idiom für «Siebter Himmel» bzw. «Auf Wolke 7», A.d.R.) bedeutet ja, noch stärkere Gefühle zu haben und noch höher zu fliegen – und das beinhaltet auch eine größere Fallhöhe. Es ist viel schlimmer, mit 70 verlassen zu werden, als mit 16, und diese Konsequenzen zeigt das Ende des Films. Das ist aber keinesfalls als moralische Keule für Inge gemeint. In dieser Konstellation gibt es keinen richtigen Weg – egal wie sie sich entscheidet, es würde immer jemand auf der Strecke bleiben.
Netzeitung:Steckt auch Ihr eigener Wunsch, auszubrechen, in diesem Film?
Dresen: Ich wünsche mir wach und neugierig zu bleiben, offen für Abenteuer. Natürlich möchte ich mit meiner Freundin am liebsten ein Leben lang zusammen bleiben, aber sobald man sich zu sicher fühlt, ist die Beziehung schon so gut wie zu Ende. Man muss den anderen immer wieder neu erobern. Das gleiche gilt für meinen Berufsweg. Da möchte ich auch nie festgefahren sein.
Andreas Dresen wurde 1963 in Gera geboren. Nach einem Volontariat im Defa- Studio und dem Regie-Studium in Potsdam-Babelsberg erlebte Dresen mit «Nachtgestalten» seinen Durchbruch auf der Berlinale 1999. Zu seinen bekanntesten Werken zählen «Halbe Treppe» mit Axel Prahl (2002) und «Sommer vorm Balkon» (2005) mit Nadja Uhl. «Wolke Neun» erhielt beim diesjährigen Filmfestival in Cannes den Jury-Preis «Coup de coeur» und läuft am 4. September in den Kinos an.