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CD der Woche: 

Keine Drogen, der Eitelkeit wegen

13. Mai 2008 09:12
Drei der Charlatans, in der Mitte Sänger Tim Burgess
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Das muss der Soundtrack dieses Sommers werden: Die Charlatans schmettern wahre Hymnen des Gitarren-Raves, so als wäre es noch 1989, findet Sascha Woltersdorf. Mit Video.

Nein, es handelt sich nicht um noch ein Album irgendeiner Band aus Manchester beziehungsweise aus «Madchester», wie es damals hieß. Das neue Album der Charlatans ist eine triumphale Rückkehr. Diese Euphorie! Diese Rock-Orgel! Das alles will einen mitsingen machen. So etwas ist sonst nur im Nachkriegsschlager zu finden, wenn mal wieder ein Flug nach Nirgendwo abgeht, auf irgendeine Insel der Glückseligkeit oder wenigsten in Traumländer, die nach ein paar Schoppen Moselwein erreichbar scheinen. Aber welcher Mensch bei klarem Verstand hört schon Schlager?

Abschied vom Mittelmaß

Womit das Thema umrissen wäre: der klare Verstand. Dieser war nämlich den Charlatans – allen voran Sänger Tim Burgess – in den letzen 15 Jahre aufgrund einer explosiven Mischung aus MDMA-Pillen, Koks und hochprozentigem Alkohol irgendwie abhanden gekommen. Die Folge war, dass die Jungs aus dem Nordwesten Englands nach ihrer Sensations-Single «The Only One I Know» (1990) und dem Album «Some Friendly» nur noch Mittelmäßes in den Aufnahmestudios zustande brachten.

Obendrein teilte das Schicksal hart aus: Der Tod von Organist Rob Collins im Jahr 1996 war der absolute Tiefschlag. Dass zuvor Gitarrist Mark Collins (weder verwandt noch verschwägert mit Rob) ins Gefängnis musste und kurz danach der Buchhalter der Band – auch Rocker brauchen anscheinend diesen Berufsstand – der eigenen Tasche umgerechnet eine viertel Million Euro gutschrieb, sind bloß zwei das generelle Unglück bestätigende Randnotizen der Bandgeschichte. Der Abstieg der Charlatans in die große Masse des Britpop war jedenfalls nicht mehr aufzuhalten. Und dies trotz ihrer unbestreitbaren Verdienste um die tanzbare Rockmusik.

Wieder en vogue

Jetzt, mehr als zehn Jahre später, ist wieder alles anders. «You Cross My Path», das elfte Album der Charlatans, ist nicht nur eine «tolle Manchester-Platte», wie einige Mal in leichtfertiger Untertreibung geschrieben wurde. Wenn grandiose Rocksongs wie «Oh! Vanity», «The Misbegotten» oder das wundervoll schwärmerische, leider am Schluss des Albums versteckte «Bird» zum Soundtrack des Sommers werden, dann ist dies das verdiente Glück der Charlatans, die viele Sommer nach ihren ersten Feuerwerken doch noch einmal en vogue geworden sind.

Das liegt zum einen an Bands wie den Klaxons oder The Horrors, die sich explizit auf die alten Gitarren-Raver beziehen, die inzwischen in ihrer zweiten Lebenshälfte angekommenen sind. Zum anderen liegt es an – und da muss man nun endlich auf Tim Burgess zu sprechen kommen – den in zahlreichen Interviews veröffentlichten Berichten des Charlatans-Sängers von seiner erlösenden Drogenfreiheit. Man hört es den neun straffen Songs vom neuen Album an.

Ein Album, wie gemacht für den Mai

«Oh! Vanity» glänzt sogar mit der Zeile «Vanity – keep me from Insanity». Oha! Burgess, der Poster-Boy des Girtarren-Rave, fürchtet um Aussehen, Gesundheit und Geisteskraft. Keine Drogen, der Eitelkeit wegen. Ein guter Grund, weiß man doch, dass Rauschgifte aller Art langfristig eher unbelebend für Körper und Geist wirken. Und auch der 40-jährige Burgess sieht nicht mehr aus wie der junge Frühling. Irgendwann graben eben alle Backstage-Fehler ihre Kanäle ins Gesicht.

Aber genau das trifft eben auf «You Cross My Path» erstaunlicherweise nicht nicht zu. Das Album klingt wie der Wonnemonat Mai. Die Orgel schwirrt in voller Ekstase, die Harmonien werden ausgekostet bis zur Neige. Und trotz der teils düsteren Texte und der spröden – und gerade deshalb reizvollen – Anklänge an New Order beziehungsweise Joy Division verblüfft das Album mit etwas, was gar nicht mehr zu erwarten war: Dem Überschwang der alten Charlantans. Was für ein Comback!


The Charlatans: „You Cross My Path“ (Cooking Vinyl / Indigo)


Video: «Oh Vanity!»

 
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