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Altpapier vom Freitag

16. Mai 2008 09:20
Zugspitze des Journalismus: Vergleichsweise angenehme Arbeitsbedingungen
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Über sich selbst schreiben Journalisten nur in Zeiten der Bedrohung: Birma, Nazis und das Gratisnetz.

Leichte Irritation gestern abend bei der «Tagesschau». Erst berichtete Ariane Reimers vom Erdbeben aus China und dann Maike Rudolph von den Verwüstungen in Birma. Beide schlossen ihren Beiträge mit einem Statement vom Ort des Geschehens.

Und sahe da: Reimers und Rudolph sehen, um es mit dem Rubrum der Klatschpresse zu sagen, aus wie Zwillinge, die es nicht zugeben.

Zumindest ist eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden, und da der Herr Lavater ja lange tot und sein physiognomisches Geschäft ein wenig aus der Mode gekommen ist, hoffen wir darauf, dass dieser Zufall im Äußeren zumindest ein Kapitel in dem heiß erwarteten medienwissenschaftlichen Standardwerk zur Ästhetik der Katastrophennachricht wert sein könnte.

Was auch auffiel: Wie unterschiedlich die Bilder aus China und Birma aussehen. In China: klassische Freiluftsituation mit Team am Ort des Geschehens. In Birma: die Funzel der Kameralampe an irgendeinem Nicht-Ort bei Dunkelheit.

Dazu hat der 'Freitag' eine Erklärung parat:

Das Bewusstsein, wie einfach man manchmal die Sympathie der Demokratie gewinnen kann, scheint dort jedenfalls deutlich besser zu gedeihen als in Birma.

Dass in Birma journalistische Arbeit nur schwer gedeihen kann, musste der Reporter der «Berliner Zeitung» am eigenen Leib erfahren. Gestern musste Willi Germund, der mit einem Touristenvisum ins Land gereist war, Birma wieder verlassen. In der 'Berliner' gibt er nun Einblick in die Arbeitsumstände der vergangenen Tage:

Die besten Informationen sind nutzlos, die größte Mühe für die Katz, wenn man es nicht schafft, den Artikel rechtzeitig vor Redaktionsschluss ins Blatt zu bringen. Das ist nicht so ganz einfach, wenn man kein Satellitentelefon dabei hat. Ich hatte keins, wohlwissend, dass Birmas Junta jeden ins Gefängnis stecken kann, der mit einem solchen Apparat erwischt wird. Per Internet aber ging in den ersten 48 Stunden nach der Katastrophe gar nichts. Die Telefonleitungen funktionierten nur teilweise. Aus dem Ausland kam niemand durch. Ich habe mir schließlich das Handy einer Hotelmanagerin ausgeliehen.


Ebenfalls von der Hotelmanagerin gab's die alte Limousine des Hauses, die sich am Ende aber womöglich als zu auffällig erwies, schließlich handelte es sich um einen stattlichen Volvo. Die Namen, selbst Berufsbezeichnungen der vielen Helfer, die Germund in Birma unterstützten, müssen indes ungenannt bleiben aus Angst vor Konsequenzen.

Mit der lebt der Buchautor und Journalist Andreas Speit schon seit Langem. Speit gehört zu den profiliertesten Autoren über die rechte Szene. In der 'taz' schreibt er, verständlicherweise einigermaßen mulmig, über die «neue Qualität der Gewalt», die sich bei den Straßenschlachten am 1. Mai in Hamburg zeigte.

In den letzten Jahren drohten Neonazis Journalisten immer wieder, veröffentlichten Namen und Adressen. Auch zu Übergriffen bei Recherchen kam es. Neu ist aber, dass, wie der freie Fotograf Peter J. sagt, der in Hamburg angegangen wurde, eine Gruppe gezielt auf bestimmte Journalisten einschlug.

Journalisten werden bei ihrer Arbeit aber nicht nur durch Militärdiktaturen und prügelnde Nazis eingeschränkt.

Normale Bürger greifen mit Blogs die Journalisten auf deren ureigenem Terrain an.

Schreibt Edwy Plenel in einem Gastbeitrag «wider die Gratiskultur» für die 'FTD' . Darin wird, einmal mehr, die Gratislogik des Internet gegeißelt. Die ist aber – ob einem das gefällt oder nicht – Realität wie ein Wirbelsturm über Birma.

Plenel, einst Chefredakteur von «Le Monde», schlägt deshalb folgenden Ausweg vor: kostenpflichtige Qualitätsangebote wie das von ihm geleitete Portal Mediapart.fr , das in drei Jahren 65.000 Abonnenten (9 Euro im Monat, 90 im Jahr) haben muss, um leben zu können. Ob die Rechnung aufgeht?

Sie dokumentiert auch den Willen, eine feste Lesergemeinschaft aufzubauen - ein Publikum von treuen Kunden, die sich zu ihrer Onlinezeitung bekennen. Indem wir diesen Begriff des Lesers dem Konzept der durch Gratisinhalte maximierten Leserschaft entgegensetzen, kehren wir zurück zu den Fundamenten der Qualitätspresse des späten 19. Jahrhunderts: Es soll eine aufgeklärte und aktive Leserschaft zusammengeführt werden, deren Lieblingszeitung Ort einer demokratischen Debatte wird.


Altpapierkorb

Da wir schon mal im 19. Jahrhundert sind: Das Schweizer Pressehaus Ringier wird 175. Die «NZZ» berichtet von Neuerungen (Medialab), gratuliert vor allem aber mit einer ausführlichen Unternehmensgeschichte . Und all jenen, denen die ökonomische Basis von Internetangeboten ein Dorn im Auge der Qualitätszeitung ist, sei der Nationalrat Paul Pflüger zitiert, der schon 1911 schrieb: Um die Inserenten nicht abzustossen, nehmen die Zeitungen alle Rücksicht. Sie bequemen sich an die Vorurteile der Bevölkerung, sie schonen die Schwächen und Leidenschaften des Leserkreises. So erzieht nicht die Presse das Volk, sondern das Volk die Presse. +++ Ein Dorn im Auge der Verlage sind die Online-Aktivitäten der Öffentlich-Rechtlichen. Jetzt online: das große 'Welt'-Interview mit G+J-Chef Bernd Kundrun von gestern, in dem es unter anderem um die Schwierigkeiten der Grenzziehung geht: «Natürlich sollen auch die Öffentlich-Rechtlichen ihre Marken ins Internet verlängern können. Sie sollen also ihre Bewegtbilder ins Internet stellen und sendebezogen auch Texte anbieten können.» +++ Die gab es auch in Schweden – allerdings auf ethischem Terrain. Darf das Fernsehen die Beerdigung eines ermordeten Kindes übertragen, an dessen Schicksal die Nation Anteil genommen hat? ( 'NZZ' ) +++ Fernsehen unter Einfluss: die «FAZ» (Seite 40) erzählt Geschichten aus England und dem Libanon. +++ Premiere macht Minus und hofft auf Rupert Murdoch («SZ», Seite 17). +++ Ebenda: Muss Phoenix auch noch über die EM berichten? Ein Interview mit Sender-Chef Christoph Minhoff. +++ In welchen Zeiten wir leben, führt uns niemand besser vor als der DFB: großes Ballyhoo auf der Zugspitze, nur um ein paar Namen zu verlesen. Die 'FR' berichtet. +++ Yahoo soll doch zur Übernahme durch Microsoft gedrängt werden ( 'FTD' , 'Welt-Online' ). +++ Mit dem Tausendsassa Frank Schätzing, dem RTL gleich zwei Bücher verfilmt hat, spricht der 'Tagesspiegel' . +++ Die 'FR' findet im 'Prager Frühling' , einem neuen Magazin der Linken, eher den Winter der Theorie. +++ Rolf-Dieter Brinkmanns Arbeiten im Radio empfehlen «SZ» (Seite 17) und 'taz' . +++ In letzterer ist auch von einer vorsichtigen Renaissance der Fernsehansagerin zu lesen . +++


Der Altpapierkorb füllt sich Montag wieder gegen 10 Uhr.

 
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