Geschichts-Tourismus:
Hitlers Spuren in München
28. Jun 2008 15:13
 |  Im Hofbräuhaus in München
| Foto: AP |
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Das Hofbräuhaus in München ist weltweit bekannt - dass Adolf Hitler dort im Festsaal im ersten Stock 1918 seine erste Rede hielt, wissen oft nicht einmal eingefleischte Münchner. Es zu erfahren, ist jedoch kein Problem.
Wenigen dürfte bekannt sein, dass Hitler ein notorischer Zechpreller in der Schwabinger Gastwirtschaft «Schellingsalon» war. Dem Aufstieg Hitlers vom erfolglosen Postkartenzeichner zum gewählten Reichskanzler und späteren Nazi-Diktator ist nirgends so gut zu nachzuspüren wie in seiner Wahlheimat München. Diese dunkle Seite der gemütlichen bayerischen Metropole zeigt der Amerikaner Eric Loerke von der Agentur «Munichwalktours» Touristen aus aller Welt.
Der Rundgang in englischer Sprache vermittelt aber auch Deutschen einen aufschlussreichen Blick von außen auf ihren Umgang mit der Geschichte. Bis zu 25 Touristen folgen dem 57-jährigen Loerke auf der «Third Reich Tour» vom Marienplatz bis zum Königsplatz, dem einstigen Zentrum des Nazi-Regimes in der «Hauptstadt der Bewegung». «Wir wollten mehr wissen über Hitler», sagt eine Anwältin aus Dublin, die mit ihrem Mann einen Wochenendausflug nach München macht. Eine Familie aus Alabama mit zwei Töchtern im Teenager-Alter, Studenten aus Nordamerika und drei Rentnerinnen aus Puerto Rico gehören auch zur Gruppe. Bo Williams, Geschichtsstudent aus Washington, sagt: «Ich finde es interessant, all die Orte zu sehen, wo Hitler war.»Viele Touristen sind auf Europa-Tour und wenige Tage überhaupt in Deutschland. Dennoch gehört für sie auch ein Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau zum Programm. «Danach wollen viele mehr darüber erfahren, warum Hitler an die Macht gekommen ist», sagt der Mitinhaber von «Munichwalktours», der Jurist Ralph Llünstroth. Viele seiner Kunden hätten ihre Wurzeln außerdem in Deutschland und ein besonderes Interesse an der NS-Zeit. Wilma, eine 60-jährige Frau aus Puerto Rico, sagt: «Ich habe so viel gelesen, und konnte es mir einfach nicht vorstellen, dass die Deutschen so einem Mann gefolgt sind. Jetzt verstehe ich es besser, seit ich die Plätze gesehen habe.»
NSDAP gegründet
Reiseführer Loerke, der früher Golfplätze instand hielt, lebt seit über 30 Jahren in Deutschland und kennt sich mit der deutschen Seele aus. Zu Beginn der Tour zeigt er Fotos von Hitler als unschuldiges Baby. Dass Hitler im österreichischen Braunau geboren wurde, ist den meisten seiner ausländischen Zuhörer ebenso unbekannt wie das Datum des Selbstmords am 30. April 1945. Loerke erzählt von Hitlers Wagner- Euphorie und seiner Ankunft als mittelloser und unbegabter Kunstzeichner in München 1913.Im Hofbräuhaus erprobte Hitler als Redner seine rhetorischen Fähigkeiten und gründete dort 1920 die NSDAP. 1923 folgte die Niederschlagung des Hitler-Putsches - die Touristengruppe ist an der Feldherrnhalle angelangt, wo Hitler eine Gedenktafel für seine getöteten Gefolgsleute anbringen ließ. Wer passiven Widerstand leisten und sich dem obligatorischen Hitler-Gruß vor der Tafel entziehen wollte, nahm einen Umweg über die kleine Viscardi-Gasse, die seitdem auch «Drückeberger-Gasse» genannt wird.
Expansionsgelüste
Das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Vergangenheit findet Loerke ambivalent. Er zeigt den Platz der Opfer des Nationalsozialismus. «Keine Bänke, die Bäume verdecken die ewige Flamme«, sagt er. Der Platz liege zwar inmitten der Stadt, aber der Verkehr braust um die Grünfläche. Vor dem Haus des Sparkassenverbands Bayern, einst Villa der Verlegerfamilie Bruckmann, die Hitler in die Gesellschaft einführte, kommt Loerke auf den Entschädigungs-Fonds für NS- Zwangsarbeiter zu sprechen. Mehr als 50 Jahre habe es gedauert, bis der Fonds eingerichtet worden sei. «Sie tun das Richtige, die Deutschen, aber es dauert lange, bis sie es tun.»Kurz stoppt Loerke am Königpslatz, dem einstigen NS-Aufmarschplatz und Ort der Bücherverbrennung. Dann geht es in die heutige Hochschule für Musik und Theater, einst «Führerbau». Es ist neben dem Haus der Kunst eines der wenigen noch erhaltenen Gebäude der NS-Architektur in München. Im Inneren lassen sich die Touristen ermattet auf der imposanten roten Marmortreppe nieder, über die einst auch Hitler lief. Der Gesang eines Opernchores dringt aus einem Saal, während Loerke Hitlers Expansionsgelüste erläutert. «Wo liegt Deutschland?», fragt Loerke. «Heute ist die Antwort einfach: in der Europäischen Union. Früher hat die Definition Millionen Menschenleben gekostet.» (Dorothea Hülsmeier, dpa)